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Kolumne: Finanzkrise geht Betrug voraus

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Autor Norbert Lohrke Bewertung (1):
Erstellt am: 11.07.08 09:52 Antworten: 0  
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Kolumne: Finanzkrise geht Betrug voraus

Sind Sie auch einer jener Zeitgenossen, die nicht glauben wollen, dass die Finanzmarktkrise einfach so passiert ist, ohne dass irgendjemand Bescheid wusste oder etwas ahnte? Und kommt es Ihnen auch etwas Spanisch vor, dass die Ratingagenturen angeblich erst spät davon erfahren haben wollen und vorher so gar nichts wussten?


 


Dann gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Skepsis und Ihrem gesunden Menschenverstand. Sie liegen nämlich absolut richtig. Denn just zum gleichen Ergebnis komm die SEC in ihrem Bericht mit dem etwas sperrigen Titel „Summary Report of Issues Identified in the Commission Staff’s Examinations of Select Credit Rating Agencies“. Dafür wurden in den letzten 10 Monaten die drei großen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch untersucht, um ihr Verhalten in der Hypothekenkrise zu hinterfragen.


 


Die Resultate, die ich im Originalbericht zur Kenntnis nahm und die ich als ehemaliger Prüfer auch in ihrer Dimension und Unverblümtheit einzuschätzen weiß, sind schlichtweg erschütternd. Wobei mich die offenen und ehrlichen Aussagen der SEC, als jemand der das Verhalten der Akteure in der Finanzbranche seit Langem mit kritischem Blick beobachtet, ehrlich gesagt nicht überraschen.


 


Da wäre zum ersten die Feststellung, dass die Anzahl und Komplexität der RMBS (=Residential Mortgage-Backed-Security) und CDO (=Collateralised Debt Obligations), also vereinfacht gesagt, Wertpapiere, die durch einen Pool von Vermögensgegenständen wie z.B. Hypotheken verbrieft sind, seit 2002 derart stark angestiegen sind, dass die Ratinghäuser große Schwierigkeiten hatten damit Schritt zu halten.


 


Auch wurden signifikante Aspekte des Ratingprozesses nicht immer bekanntgegeben. Wobei die Dokumentation deutlich zu wünschen übrig ließ, insbesondere, wenn es um Abweichungen von den zugrundeliegenden Modellen ging, um Entscheidungen des Rating-Kommittees und um die Namen der Beteiligten.


 


Auch wurden bezüglich der Überwachung bzw. Qualitätskontrolle des Folgeratings wesentlich schwächere Standards als für die Erstratings zugrunde gelegt. Und schließlich benutzt die SEC bei der Beschreibung des internen Überprüfungsprozess die Worte „varied significantly“, was in zweifacher Übersetzung soviel heißt, wie dass das interne Audit (=interne Prüfung) zum Teil unter aller Sau war.


 


Noch schlimmer ist, was zur Ergänzung des Rating Agency Reform Act vorgeschlagen wurde. Da kann man indirekt entnehmen, was die SEC so alles gefunden hat. So soll kein Rating mehr gemacht werden, ohne dass Information über die zugrundeliegenden, ursprünglichen Produkte vorhanden sind(!!!). Auch sollen Personen, die ein Rating machen, zukünftig nicht mehr an der Entwicklung von Verbriefungen mitwirken. Außerdem sollen diejenigen, die ein Rating machen, nicht mit der Verhandlung über den Preis der Ratings befasst sein. Ferner sollen Ratingmitarbeiter von gerateten Unternehmen zukünftig keine Geschenke mehr annehmen dürfen. Und schließlich müssen die qualitativen Bewertungen, die substantielle Auswirkungen auf ein Modell haben zukünftig dokumentiert werden.


 


Weiter wird zwei Ratingagenturen vorgeworfen, dass sich das Personal zur Berarbeitung der CDO-Ratings nicht im erforderlichen Maß mitgewachsen sei. Ein Mitarbeiter stellte fest: „too much work, not enough people, pressure from company, quite a bit of turnover and no coordination of the non deal stuff..”. Auch, „dass Ratings herausgegeben wurden, obwohl einzelne offene Punkte nicht bearbeitet wurden“.


 


So sagte eine Mitarbeiterin, dass das Modell ihrer Firma nicht die Hälfte des Risikos abdeckte oder im Original: ..“the firm’s model did not capture half of the deal’s risk, but that it could be structured by cows and we would rate it.“  Ein anderer Senior Analytical Manager brachte es wie folgt auf den Punkt: “..we continue to create an even bigger monster..“ oder „Let’s hope we are all wealthy and retired by the time this house of cards falters“ also, das er hofft, dass sie alle wohlhabend und in Pension sind, wenn das Kartenhaus zusammenfällt.


 


Und dass selbst die SEC versagt hat, geht aus dem Statement eines Managers hervor, der sagt, dass “wenn er von der SEC wäre, er sich mal die Frage gestellt hätte, warum da in all den Monaten immer die gleichen Annahmen verwendet wurden”.


 


Da ich Sie nicht mit weiteren Details langweilen will, zuletzt noch der „Issuers Pay Conflict“, dass derjenige der das Rating benötigt, die Ratingagentur auch bezahlt und die Ratingagenturen natürlich als Unternehmen ein Interesse haben, möglichst viele Ratings zu verkaufen.


 


Ich kann nur jedem Verantwortlichen in den Aufsichtsbehörden und in der Politik raten, diesen Bericht Seite für Seite zu lesen. Damit dann endlich auch die richtigen Schlüsse gezogen werden. Übrigens schreit dieser Bericht geradezu nach Regulierung. Dass unsere Initiative Finanzstandort Deutschland mit BMBF und Bundesbank an Bord das Gegenteil fordert, ist ein Riesenskandal. Jedenfalls wenn man den Bericht aufmerksam gelesen und verstanden hat.


 


Unter Betrug versteht man im strafrechtlichen Sinn eine Täuschung, um den Getäuschten dazu zu veranlassen, so über sein Vermögen oder das eines Dritten zu verfügen, dass ein Vermögensschaden eintritt.



Man darf getrost behaupten, dass man zum Schluss kommen kann, dass genau das hier vorliegt. Es ist höchste Zeit, dass die staatlichen und überstaatlichen Stellen schnell und konsequent handeln.


 


Einen schönen Tag und hohe Renditen wünscht Ihnen.


 


Ihr Norbert Lohrke


 



 


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